Kunstsammlung zeigt verschiedene Kunstwerke in Balance zwischen Vielfalt und Spezialisierung
Veröffentlicht am Februar 15, 2024

Der wahre Wert einer Kunstsammlung liegt nicht in der Entscheidung zwischen Diversifikation und Spezialisierung, sondern in der Schaffung einer intellektuellen Kohärenz, die sie zu einem kuratierten Vermächtnis macht.

  • Die Schweizer Steuergesetzgebung privilegiert die von Leidenschaft getriebene Sammlung («Liebhaberei») gegenüber rein spekulativen Investitionen.
  • Eine sorgfältige Nachlassplanung durch eine Familienverfassung oder Stiftung ist entscheidend, um die Zerschlagung der Sammlung zu verhindern.

Empfehlung: Denken Sie nicht wie ein Investor, sondern wie ein Kurator. Definieren Sie den narrativen Bogen Ihrer Sammlung, dokumentieren Sie ihn akribisch und planen Sie seine Zukunft als kulturelles Erbe.

Jeder Sammler steht früher oder später an einem Scheideweg: Soll die Sammlung wachsen wie ein weitverzweigter Baum, der viele verschiedene Früchte trägt, oder sich konzentrieren wie ein Weinstock, der wenige, aber dafür umso edlere Trauben hervorbringt? Die gängigen Ratschläge pendeln oft zwischen zwei Extremen. Die einen predigen, man solle sein Portfolio wie bei Aktien breit diversifizieren, um Risiken zu streuen. Die anderen raten zur tiefen Spezialisierung auf eine Epoche, einen Künstler oder ein Medium, um Expertise und Anerkennung aufzubauen. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung, lassen aber den Kern der Sache ausser Acht.

Die Frage ist nicht bloss, ob man breit oder schmal sammelt. Die eigentliche Herausforderung, und darin liegt die wahre Kunst des Sammelns, ist die Entwicklung einer Vision. Es geht darum, vom reinen Akkumulieren von Objekten zum bewussten Schaffen eines zusammenhängenden Ganzen überzugehen. Doch was, wenn der Schlüssel nicht in der finanziellen Logik der Diversifikation oder der akademischen Strenge der Spezialisierung liegt, sondern in einer übergeordneten intellektuellen Kohärenz? Was, wenn der Sammler die Rolle eines Kurators einnehmen muss, der seiner Sammlung eine Seele, einen narrativen Bogen, verleiht?

Dieser Leitfaden verlässt die ausgetretenen Pfade der reinen Anlageberatung. Er betrachtet die Sammlung als ein kuratiertes Vermächtnis. Wir werden die strategischen, rechtlichen und logistischen Dimensionen beleuchten, die es braucht, um in der Schweiz eine Sammlung von persönlicher Bedeutung und dauerhaftem Wert aufzubauen – ein Ökosystem, das weit über die Summe seiner Teile hinausgeht.

Um Ihnen eine klare Orientierung auf diesem Weg zu geben, gliedert sich dieser Artikel in strategische Schlüsselbereiche. Das folgende Inhaltsverzeichnis führt Sie durch die wesentlichen Überlegungen, von der philosophischen Grundlage Ihrer Sammeltätigkeit bis hin zur konkreten Planung Ihres kulturellen Erbes.

Warum sollte der persönliche Geschmack immer vor dem Investmentgedanken stehen?

In der Welt der Kunst wird oft die finanzielle Rendite als primärer Antrieb missverstanden. Doch gerade im Schweizer Kontext ist die Unterscheidung zwischen Sammeln aus Leidenschaft und gewerbsmässigem Handel von fundamentaler Bedeutung. Der entscheidende Begriff hierfür ist die «Liebhaberei». Sie definiert eine Sammeltätigkeit, die primär von persönlichem Interesse und nicht von der Absicht der Gewinnerzielung geleitet wird. Dies ist keine blosse romantische Vorstellung, sondern hat handfeste steuerliche Konsequenzen.

Die Schweizer Steuergesetzgebung ist hierbei erstaunlich klar: Während Gewinne aus gewerbsmässigem Kunsthandel der Einkommenssteuer unterliegen, sind laut einer KPMG-Analyse zur Kunstbesteuerung Kapitalgewinne aus dem Verkauf von privatem Vermögen – also aus Liebhaberei – vollständig steuerfrei. Diese Regelung schafft einen starken Anreiz, eine Sammlung aufzubauen, die dem eigenen ästhetischen und intellektuellen Kompass folgt, anstatt kurzfristigen Markttrends hinterherzujagen. Der Aufbau einer Sammlung, die authentisch die eigene Persönlichkeit widerspiegelt, ist somit nicht nur erfüllender, sondern auch fiskalisch intelligent.

Die Sammlung von Ernst und Hildy Beyeler, die heute den Kern der weltberühmten Fondation Beyeler bildet, ist das wohl prominenteste Beispiel für diesen Ansatz. Sie entstand nicht aus einer Anlagestrategie, sondern aus einer tiefen, lebenslangen Passion für die Kunst. Das Ergebnis ist ein kulturelles Erbe von unschätzbarem Wert, das weit über die finanzielle Bewertung der Einzelwerke hinausgeht. Der persönliche Geschmack ist somit nicht das Gegenteil einer klugen Strategie, sondern deren Fundament. Er ist der erste und wichtigste Filter zur Schaffung jener intellektuellen Kohärenz, die eine Ansammlung von Objekten in eine bedeutende Sammlung verwandelt.

Um die Trennlinie zwischen Leidenschaft und Geschäft klar zu ziehen, ist es essenziell, die Kriterien der steuerlichen Abgrenzung genau zu verstehen.

Editionen und Abzüge: Wie bewerten Sie die Exklusivität bei reproduzierbaren Medien?

Die Faszination der Kunst lag lange Zeit im Unikat, dem einzigartigen, von Meisterhand geschaffenen Werk. Doch mit dem Aufkommen von Fotografie, Druckgrafik und heute digitalen Medien hat sich der Begriff der Exklusivität gewandelt. Bei Editionen und Abzügen wird die Seltenheit nicht durch Einzigartigkeit, sondern durch eine künstlich limitierte Auflage definiert. Die entscheidenden Fragen für den Sammler-Kurator sind hier: Wie hoch ist die Auflage? Ist sie nummeriert und signiert? Gibt es zusätzliche Künstlerexemplare (E.A. oder A.P.)? Die Provenienz und lückenlose Dokumentation dieser Details sind für den Werterhalt entscheidend.

In der jüngsten Vergangenheit hat die Blockchain-Technologie diese Diskussion revolutioniert. Non-Fungible Tokens (NFTs) ermöglichen eine neue Form der digitalen Provenienz und verknüpfen ein digitales Kunstwerk untrennbar mit einem Eigentumszertifikat. Dies verleiht digitalen Dateien eine bisher ungekannte Form der Einzigartigkeit und Handelbarkeit.

Digitale Kunstwerke mit Blockchain-Verifizierung in modernem Schweizer Galerie-Setting

Dieses neue Feld ist besonders für die Schweiz von grosser Relevanz. Wie der Verband Kunstmarkt Schweiz hervorhebt, positioniert sich das Land mit dem Crypto Valley in Zug als weltweit führender Blockchain-Standort. Für Sammler bedeutet dies nicht nur den Zugang zu einer neuen, innovativen Kunstform, sondern auch die Notwendigkeit, sich mit den technologischen Grundlagen der digitalen Authentizität auseinanderzusetzen. Die Bewertung von Exklusivität erfordert hier sowohl kunsthistorisches Wissen als auch ein Verständnis für die technologische Absicherung des Werks.

Die Auseinandersetzung mit neuen Medienformen zwingt uns, unsere Definition von Seltenheit und Wert neu zu justieren.

Katalogisieren: Warum ist ein digitales Inventar für die Versicherung unerlässlich?

Die Katalogisierung einer Sammlung wird oft als eine trockene, administrative Pflicht empfunden. Aus der Perspektive des Sammler-Kurators ist sie jedoch ein zentraler Akt: Sie ist die Verschriftlichung des narrativen Bogens der Sammlung und die Grundlage für ihr gesamtes Ökosystem. Ein lückenloses, digitales Inventar ist weit mehr als eine blosse Liste. Es ist das Gedächtnis Ihrer Sammlung und das entscheidende Instrument für Versicherung, Nachlassplanung und potenzielle Leihgaben an Museen.

Im Schadensfall – sei es durch Diebstahl, Feuer oder Wasser – ist ein detailliertes Inventar die einzige Grundlage, auf der eine Versicherung den Wert ersetzen kann. Versicherer in der Schweiz wie AXA Art oder Helvetia fordern präzise Angaben: hochauflösende Fotos, Kaufbelege, Echtheitszertifikate, Zustandsberichte und eine aktuelle Bewertung. Ohne diese Dokumentation wird die Regulierung eines Schadensfalls zu einem langwierigen und oft unbefriedigenden Prozess. Der Versicherungswert eines Werkes ist ohne lückenlose Dokumentation seiner Existenz und Provenienz quasi inexistent.

Die Bedeutung geht jedoch über die Versicherung hinaus. Wie das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA) in seinem Leitfaden zur Sammlungsdokumentation betont:

Ein lückenloses digitales Inventar ist entscheidend für die legale Herkunft und den rechtmässigen Besitz, was bei einem späteren Verkauf oder einer Ausfuhr aus der Schweiz unerlässlich ist.

– Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA), Leitfaden zur Sammlungsdokumentation

Ein professionelles Inventar, geführt mit Software wie MuseumPlus oder Collectrium, ist somit kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Es sichert nicht nur den materiellen, sondern auch den ideellen und rechtlichen Wert Ihrer Sammlung für die Zukunft ab.

Die akribische Dokumentation jedes einzelnen Werkes ist die unsichtbare, aber entscheidende Arbeit, die eine Sammlung erst zu einem wertvollen Ganzen macht.

Die Gefahr, Werke zu schnell wieder auf den Markt zu werfen („Burning a work“)

Im Kunstmarkt ist Geduld eine Tugend. Der unüberlegte und schnelle Wiederverkauf eines Werkes, insbesondere wenn es bei einer öffentlichen Auktion keinen Käufer findet, wird in der Branche als „Burning a work“ bezeichnet. Ein solches Ereignis kann den Marktwert des Kunstwerks und die Reputation des Künstlers nachhaltig schädigen. Das Werk gilt als „verbrannt“, weil sein öffentliches Scheitern eine Aura des Unerwünschten erzeugt, die nachfolgende potenzielle Käufer abschreckt. Dieser Effekt ist im überschaubaren und stark vernetzten Schweizer Kunstmarkt besonders ausgeprägt, wo Informationen schnell zirkulieren.

Ein Werk zu früh oder zur falschen Zeit anzubieten, signalisiert entweder einen finanziellen Notstand des Verkäufers oder einen Mangel an Vertrauen in das Werk selbst. Beides untergräbt den Preis. Ein Sammler-Kurator versteht, dass er nicht nur Eigentümer, sondern auch Hüter des kulturellen Kapitals eines Künstlers ist. Eine langfristige Haltedauer ist daher nicht nur eine steuerliche, sondern auch eine strategische Entscheidung, um den Wert der eigenen Sammlung und das Ökosystem des Künstlers zu schützen.

Für den Fall, dass eine Devestition dennoch notwendig wird, gibt es diskretere Wege als die öffentliche Auktion. Hier kommt die Expertise etablierter Institutionen ins Spiel.

Fallbeispiel: Diskrete Devestition über Schweizer Auktionshäuser

Ein Sammler muss sich aus Liquiditätsgründen von einem wichtigen Werk trennen. Anstatt es einer öffentlichen Auktion auszusetzen und das Risiko des „Verbrennens“ einzugehen, nutzt er die „Private Sales“-Abteilungen von Häusern wie Christie’s Zürich oder Koller Auktionen. Diese Experten vermitteln das Werk diskret an einen vorgewählten Kreis von anderen Sammlern oder Institutionen. Der Verkauf findet ohne öffentliche Preisfindung statt, der Preis bleibt vertraulich. Diese Strategie schützt den Marktwert des Einzelstücks, die Marktstellung des Künstlers und die Diskretion des Verkäufers.

Diese Vorgehensweise zeigt, dass der verantwortungsvolle Umgang mit einem Werk auch den Moment des Verkaufs umfasst. Es ist ein Akt der strategischen Planung, der die langfristige Integrität der Sammlung und des Marktes im Auge behält.

Die Entscheidung, wann und wie man ein Werk verkauft, ist ebenso Teil der kuratorischen Verantwortung wie die ursprüngliche Kaufentscheidung.

Stiftung oder Auktion: Wie verhindern Sie, dass Ihre Sammlung nach dem Tod zerschlagen wird?

Die Krönung des Lebenswerks eines Sammler-Kurators ist die Planung seiner Zukunft über die eigene Lebenszeit hinaus. Ohne eine klare Regelung droht selbst der kohärentesten Sammlung das Schicksal der Zerschlagung. Die Erben, oft mit unterschiedlichen Interessen und ohne die gleiche emotionale Bindung an die Werke, könnten gezwungen sein, die Sammlung Stück für Stück aufzulösen, um den Nachlass aufzuteilen oder Erbschaftssteuern zu begleichen. Ein über Jahrzehnte aufgebautes, kuratiertes Vermächtnis würde so zu einer reinen Liquiditätsmasse degradiert.

Um dieses Szenario zu verhindern, gibt es in der Schweiz zwei wesentliche strategische Wege: die testamentarische Verfügung mit klaren Auflagen und die Gründung einer Stiftung. Eine Kunststiftung ist das wirkungsvollste Instrument, um die Sammlung als Ganzes zu erhalten, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und ihre Pflege langfristig zu sichern. Sie entzieht die Sammlung dem direkten Zugriff der Erben und überführt sie in eine eigene juristische Person mit einem klar definierten, oft gemeinnützigen Zweck.

Mehrere Generationen einer Familie betrachten gemeinsam Kunstwerke in einem Schweizer Museum

Die Gründung einer Stiftung nach Schweizer Recht ist ein strukturierter Prozess, der Weitblick erfordert. Es geht darum, den Zweck der Stiftung festzulegen (z. B. Erhalt der Sammlung, Förderung von Künstlern), den Stiftungsrat zu besetzen und die Finanzierung des laufenden Betriebs sicherzustellen. Dieser Schritt transformiert den privaten Sammler endgültig in einen Mäzen und seine Sammlung in ein dauerhaftes kulturelles Erbe. Es ist der letzte, entscheidende Akt, um die über Jahre geschaffene intellektuelle Kohärenz für kommende Generationen zu bewahren.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit ist die ultimative kuratorische Aufgabe, um den Fortbestand der Sammlung zu sichern.

Zollfreilager vs. Wohnzimmer: Wie lagern Sie empfindliche Werke klimatisch korrekt?

Ein Kunstwerk existiert nicht im luftleeren Raum. Seine physische Integrität hängt massgeblich von den Umgebungsbedingungen ab. Schwankungen von Temperatur und Luftfeuchtigkeit, Lichteinfall und Schadstoffe in der Luft sind die stillen Feinde eines jeden Sammlungsstücks. Die Wahl des Lagerortes ist daher keine logistische Nebensächlichkeit, sondern ein zentraler Bestandteil der Erhaltungsstrategie. Die klimatischen Bedingungen im heimischen Wohnzimmer sind für die meisten empfindlichen Materialien – wie Papier, Textilien oder alte Farbpigmente – auf Dauer ungeeignet.

Die Schweiz bietet eine einzigartige Infrastruktur für die professionelle Lagerung von Kunst: die Zollfreilager, insbesondere in Genf, Zürich oder Basel. Diese Hochsicherheitstrakte bieten nicht nur optimal kontrollierte klimatische Bedingungen, sondern auch erhebliche steuerliche Vorteile. Solange die Werke im Zollfreilager verbleiben, fallen bei Kauf und Verkauf keine Mehrwertsteuern an. Eine Analyse der Handelszeitung zeigt, dass sich hierdurch erhebliche finanzielle Vorteile ergeben können. Diese Orte sind die modernen Schatzkammern für Sammler und Investoren weltweit.

Die Entscheidung für oder gegen ein Zollfreilager hängt von der Zielsetzung des Sammlers ab. Dient die Sammlung primär der persönlichen Freude und soll im täglichen Umfeld präsent sein, muss in eine professionelle Klimatisierung der eigenen Räume investiert werden. Stehen jedoch der Werterhalt, die Sicherheit und die steuerliche Optimierung im Vordergrund, ist ein Zollfreilager oder ein spezialisierter Kunstspediteur die überlegene Wahl. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Optionen in der Schweiz.

Lagerungsoptionen für Kunstwerke in der Schweiz
Lagerort Klimakontrolle Sicherheit Kosten/Jahr Steuervorteile
Genfer Zollfreilager Optimal (20°C, 50% LF) Höchste Stufe CHF 2000-5000/m² Keine MwSt
Banksafe Stabil Sehr hoch CHF 500-2000 Keine
Privat klimatisiert Gut Mittel CHF 3000-8000 Keine
Wohnraum Schwankend Niedrig CHF 0 Keine

Die Wahl des richtigen Ortes ist eine strategische Entscheidung, die den physischen und finanziellen Zustand Ihrer Sammlung langfristig bestimmt.

Warum scheitern 70% der Vermögensübergaben ohne eine klare Familienverfassung?

Die Übergabe einer Kunstsammlung an die nächste Generation ist einer der emotionalsten und zugleich risikoreichsten Momente im Leben eines Sammlers. Während der Fokus oft auf steuerlichen und rechtlichen Aspekten liegt, ist die grösste Gefahr menschlicher Natur: die unterschiedlichen Erwartungen, emotionalen Bindungen und finanziellen Bedürfnisse der Erben. Ohne einen klaren, im Voraus definierten Rahmen kann eine Sammlung, die als verbindendes Element gedacht war, zum Zankapfel werden, der eine Familie entzweit.

Das Problem verschärft sich bei Kunst, da der emotionale Wert oft in keinem Verhältnis zum Marktwert steht. Dr. Thomas Sprecher, ein Experte für Schweizer Erbrecht, warnt genau davor in seinen Analysen. Er betont, dass gerade Sammlungsstücke mit hohem emotionalem Wert aber unklarem Marktwert den Streit um den gesetzlichen Pflichtteil eskalieren lassen können. Wie bewertet man das Lieblingsbild der Mutter, das ein Kind erben möchte, während ein anderes auf eine finanziell gerechte Aufteilung pocht?

Die Lösung liegt in der proaktiven Kommunikation und der Schaffung einer «Familienverfassung». Dies ist kein juristisch bindendes Testament, sondern ein moralischer Kodex, den die Familie gemeinsam erarbeitet. Darin werden die Vision des Sammlers, die Werte der Familie und klare Regeln für den zukünftigen Umgang mit der Sammlung festgehalten. Es ist ein Instrument, um heikle Fragen zu klären, bevor sie zu unlösbaren Konflikten werden. Die Erstellung einer solchen Verfassung ist der vielleicht wichtigste kuratorische Akt, um das eigene Lebenswerk zu schützen.

Ihr Aktionsplan: Kernelemente einer Schweizer Familienverfassung für Sammlungen

  1. Vorkaufsrechte definieren: Legen Sie fest, ob und zu welchen Konditionen Familienmitglieder Werke erwerben können, bevor sie auf den freien Markt kommen.
  2. Externen Expertenrat einsetzen: Bestimmen Sie einen oder mehrere neutrale Gutachter, die im Streitfall eine verbindliche Bewertung vornehmen.
  3. Gemeinsame Verwaltung regeln: Prüfen Sie die Option, die Sammlung als Dauerleihgabe an ein Museum zu geben, um sie zusammenzuhalten und die Verwaltungskosten zu teilen.
  4. Umgang mit Lieblingsstücken klären: Entwickeln Sie einen fairen Mechanismus (z. B. Losverfahren, Ausgleichszahlungen) für emotional hoch besetzte Werke.
  5. Finanzierungsmodell festlegen: Schaffen Sie einen Plan, wie laufende Kosten für Versicherung, Lagerung und Restaurierung aus dem Nachlass oder durch die Erben gemeinsam getragen werden.

Indem Sie die Regeln des Umgangs mit der Sammlung festlegen, bevor ein Erbfall eintritt, schützen Sie nicht nur die Kunst, sondern vor allem den Frieden innerhalb Ihrer Familie.

Das Wichtigste in Kürze

  • Philosophie vor Finanzen: Der Aufbau einer Sammlung aus Leidenschaft («Liebhaberei») ist in der Schweiz nicht nur erfüllender, sondern dank Steuerfreiheit auf Kapitalgewinne auch wirtschaftlich klug.
  • Dokumentation ist fundamental: Ein akribisch geführtes digitales Inventar ist kein administrativer Aufwand, sondern die unerlässliche Grundlage für Versicherung, Bewertung und die rechtliche Absicherung Ihrer Sammlung.
  • Nachfolge proaktiv gestalten: Um die Zerschlagung des Lebenswerks zu verhindern, ist eine frühzeitige Planung durch eine Familienverfassung oder die Gründung einer Stiftung entscheidend für den Erhalt des kulturellen Erbes.

Jenseits der Auktionssäle: Wo die wahre Sammelleidenschaft genährt wird

Die grossen Auktionshäuser, die glamourösen Kunstmessen und die etablierten Galerien an den besten Adressen sind die sichtbare Spitze des Kunstmarktes. Sie sind wichtige Plattformen für Transaktionen und Preisfindung. Doch die eigentliche Seele des Sammelns, die intellektuelle Neugier und die persönliche Entdeckungslust, wird oft an ganz anderen Orten genährt. So wie man die authentische Schweizer Küche nicht nur in den Grand Hotels, sondern oft in einem abgelegenen, traditionsreichen Gasthof findet, so findet man die Inspiration für eine Sammlung oft abseits der ausgetretenen Pfade.

Diese „Gasthöfe“ der Kunstwelt können viele Formen annehmen. Es können die Tage der offenen Tür in den Ateliers von Kunsthochschulen sein, wo man die nächste Generation von Künstlern persönlich kennenlernt. Es können kleine, von Enthusiasten geführte Galerien in der Provinz sein, die ein Nischenprogramm mit Leidenschaft vertreten. Es können auch private Sammlerkreise sein, in denen Wissen und Meinungen in einem vertrauensvollen Rahmen ausgetauscht werden, weit weg vom kommerziellen Druck.

Traditioneller Schweizer Gasthof mit lokaler Kunst und Sammlern im gemütlichen Ambiente

Sich an diesen Orten zu bewegen, bedeutet, das eigene Auge zu schulen, direkte Beziehungen aufzubauen und ein tieferes Verständnis für den kreativen Prozess zu entwickeln. Hier entsteht der narrative Faden, der die Werke in Ihrer Sammlung miteinander verbindet. Es ist die Summe dieser authentischen Begegnungen und persönlichen Entdeckungen, die einer Sammlung ihre unverwechselbare Handschrift und ihre intellektuelle Kohärenz verleiht. Die Jagd nach dem nächsten „Blue Chip“-Werk mag spannend sein, aber die Pflege eines Netzwerks und die kontinuierliche Bildung des eigenen Geschmacks sind das wahre Fundament eines nachhaltigen und bedeutungsvollen Engagements in der Kunst.

Der Wert einer Sammlung misst sich letztlich nicht nur an den Namen an der Wand, sondern an der Tiefe und Authentizität der Geschichten, die sie zu erzählen vermag.

Der Aufbau einer Sammlung ist eine Reise. Um diesen Weg strukturiert und mit Weitblick zu gehen, besteht der nächste logische Schritt darin, die hier vorgestellten Prinzipien in einer persönlichen Sammlungsstrategie zu verankern.

Häufige Fragen zur digitalen Inventarisierung

Welche Software eignet sich für die Sammlungsverwaltung?

Professionelle Lösungen wie Artwork Archive, Collectrium oder die Schweizer Lösung MuseumPlus bieten umfassende Funktionen für Dokumentation, Bewertung und Versicherungsmanagement.

Wie oft sollte die Bewertung aktualisiert werden?

Experten empfehlen mindestens alle 3-5 Jahre eine Neubewertung, bei volatilen Märkten oder wertvollen Einzelstücken auch jährlich.

Welche Dokumente sind für die Versicherung zwingend?

Kaufbelege, Echtheitszertifikate, Zustandsberichte, hochauflösende Fotos und bei internationalen Werken die CITES-Dokumentation.

Geschrieben von Sophie Monnier, Kunstberaterin (Art Advisor) und Lifestyle-Expertin für den Schweizer Luxusmarkt. Spezialisiert auf den Aufbau von Kunstsammlungen, Provenienzforschung sowie exklusive Reise- und Gastronomie-Erlebnisse in der Schweiz.